Fähigkeit zur Religion als Bildungsprozess

In seinem berühmten Brief an den 3. Liturgischen Kongress in Mainz, hat Romano Guardini im 1964 die Frage der Fähigkeit zur Religion des Menschen aufgeworfen. Seither hat diese Frage die Bemühungen um die liturgische Erneuerung mehr oder weniger intensiv begleitet. Guardini wollte die Frage sicher nicht negativ beantworten, sondern wollte die Frage "der Klärung wegen" stellen. Dabei richtet er den Blick auf den Menschen "des industriellen Zeitalters, der Technik und der durch sie bedingten psychologischen soziologischen Strukturen" und fragte, ob Religion vielleicht etwas historisches gebundenes sei, das in Antike und Mittelalter seinen Platz gehabt habe, aber für den modernen Menschen nicht mehr vollziehbar sei.

Die Feier der Religion ist nicht einfach ein natürlicher Vollzug des Menschen, von daher ist Guardinis Frage nach der historischen Gebundenheit der Religion notwendig. Sie ist in ihren Gottesdiensten und deren Gestalt Werk des Menschen mit seinen kulturellen Voraussetzungen. Von daher ist Fähigkeit zur Religion auch für Guradini, dem Menschen, nicht einfach mit seiner Natur bereits gegeben. Selbst wenn man davon ausgeht, dass der Mensch von Natur aus auf Gott hin ausgerichtet ist (anima naturaliter religiosa), so ist doch der Mensch nicht von Natur aus religiös. Seit jeher hat der Gottesdienst der Kirche eine Struktur, welche das Ergebnis menschlichen kulturellen Handelns ist. Wer sich auf dieses geordnete Handeln einlassen will, muss selbst auch geformt, geprägt und gebildet sein.

Als Beobachter und Gast kann prinzipiell jeder diesen Feiern beiwohnen. Um aber selbst zum Beteiligten, zum Teilnehmer und Träger des kulturgeprägten gottesdienstlichen Handelns der Kirche zu werden, muss der Mensch nicht nur getauft sein. Er braucht auch Voraussetzungen, die er erwerben kann, welche an dieser Stelle aber nicht erschöpfend ausgeführt werden. Jedoch, personale Fähigkeiten, wie etwa die Befähigung zu schweigen, zuzuhören und die Bereitschaft, sich selbst zurückzunehmen, in und mit einer Gruppe zu handeln, wären hier zu nennen.

Früher gehörten zur vollständigen Religionsfähigkeit auch lateinische Sprachkenntnisse, da die römische Liturgie Jahrhunderte über Jahrhunderte hinweg allein in lateinischer Sprache gefeiert wurde. Als jedoch das Bewusstsein dafür neu entstand, dass nicht nur die des Lateinischen kundigen Kleriker, sondern alle Getauften Träger der gottesdienstlichen Feiern sind, musste mit einer gewissen Zwangsläufigkeit die lateinische Liturgiesprache den Volkssprachen weichen. Allerdings wäre es ein Irrtum zu glauben, dass die volkssprachige Liturgiesprache nicht erlernt werden muss. Denn selbstverständlich ist die Liturgiesprache eine Sondersprache, die sich von der Alltagssprache unterscheidet. Sie braucht eigene Ausdrücke, die in unserer Alltagskommunikation nicht vorkommen.

Die Texte der Liturgie müssen tiefgründig sein, sie dürfen nicht so flach bestehen, dass deren Inhalt beim ersten Hören verstanden wird. Liturgische Texte müssen in der Regel mehrfach wiederholbar sein, damit sich beim wiederholten Hören neue Sinnschichten erschließen. Da die Liturgie der Kirche und vor allem die Messliturgie prinzipiell nicht Ort der Erstkatechese ist, sondern Feier der Initiierten, gehört zum Initiationsprozess auch eine liturgische Bildung die zum Umgang mit der der geprägten Sprache befähigt . Dies gilt analog auch für die liturgische "Zeichensprache", welche keineswegs einfach alltäglich und selbstverständlich ist. Denn auf Kelch, Messgewänder, Weihrauch und bestimmte Gesten treffen die meisten vermutlich exklusiv bei der Feier des Gottesdienstes. Zusammenfassend ist zu sagen, dass es also humane Kompetenzen gibt, welche erlernt werden müssen, damit der Mensch fähig für eine Religion ist. Da viele dieser Kompetenzen jedoch selbstständige Kulturleistungen des Menschen sind, müssen (und können) diese nicht erst durch liturgische Bildungsangebote vermittelt werden. Manches lernt ein Kind im Idealfall in der Familie, im Kindergarten und in der Schule nebenbei und manches lernt der Mensch auch relativ schnell durch Nachahmung und Mittun. Andere Kompetenzen hingegen müssen sehr bewusst und eigens vermittelt werden, wenn es nicht im allgemeinen Sozialisationsprozess erlernt wurde.


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